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Stockrosen im Bauerngarten

Die Stockrose bringt Brauchtum und Tradition ins Blumenbeet – und in die Hausapotheke. Denn die bezaubernde Schönheit vom Land hat auch innere Werte: Viele Medizinalstoffe aus der Rose heilen und helfen gestern wie heute.

 
Auch wenn sie in der botanischen Nomenklatur ganz bescheiden Gewöhnliche Stockrose (Alcea rosea) genannt wird – die Vertreterin der Familie der Malvengewächse ist alles andere als gewöhnlich. Dichter haben sie besungen, Künstler gemalt, Heilkundige verordnet, Gartenbauer „als eine der schönsten und buntfarbensten unter den Blumen“ gepriesen, und im Volksmund wurde ihr gar der Titel „Königin des Bauerngartens“ verliehen.

All das zu Recht, denn sie hat wahrlich anbetungswürdige Attribute: Mit ihrer schlanken Gestalt von bis zu drei Metern Länge ragt sie aus jedem Beet als majestätischer Blickfang hervor, mit ihren Blütenformen von einfach über halb bis ganz gefüllt und ihren Farben in allen Nuancen von Schneeweiß über Bunt bis Samtschwarz ist sie an Sortenreichtum kaum zu übertreffen. Ihre auffällig breiten Kronblätter sind filigran gefältelt wie feinstes Plissee und so durchscheinend zart wie teuerste Seide, ihr Stängel dagegen so fest, dass sie trotz ihrer Höhe stolz erhobenen Hauptes steht. Und ihre Wuchskraft ist so stark, dass sie bis in den Herbst hinein unermüdlich blüht.

Im Mittelalter beliebt
Kein Wunder, dass eine solche Gartenpreziose schon früh aus ihrer südlichen Heimat in den Westen eingeführt wurde. Wann, ist nicht genau bekannt, das Gemälde „Paradiesgärtlein“ des Oberrheinischen Meisters von 1410/1420 legt jedoch Zeugnis davon ab, dass das Malvengewächs bereits im Mittelalter bei uns bekannt und hoch geschätzt  war: In seiner berühmten Darstellung eines klassischen Hortus conclusus stellt der Maler keiner Geringeren als der heiligen Mutter Gottes typische beliebte Pflanzen der Zeit an die Seite – unter ihnen rote und weiße Stockrosen.
Nach diesem ersten Nachweis in der Kunst wird die Gattung schließlich um 1530 auch offiziell klassifiziert, und zwar durch den Botaniker Otto Brunfels. Seiner schriftlichen Erwähnung sollten unzählige weitere folgen, illustriert in angesehenen Kräuterbüchern und medizinischen Abhandlungen – bis hin zu Lobpreisungen in der Welt der schöngeistigen Literatur.

So galt die Stockmalve, wie sie im Volksmund auch hieß, dem Schriftsteller Theodor Fontane als geliebte Kindheitserinnerung an einen „richtigen Bauerngarten“ und beim Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe ging die Verehrung für die Pflanze so weit, dass er extra Teegesellschaften abhielt, um die erste Stockrosenblüte vor seinem Gartenhaus in Weimar zu feiern.

Zier- und Nutzpflanze
So viel Huldigung hat die Prachtstaude aber nicht allein ihrer außergewöhnlichen Schönheit zu verdanken. Zunächst mag sie wohl nur als Schmuck in die Landgärten eingezogen sein, als die sommerliche Leitpflanze schlechthin mit ihren Blüten in Zitronengelb, Pfirsichrosa, Brombeerlila und Kirschrot.

Weil sie schnell wächst, und das bevorzugt an Wänden, konnte man mit ihr außerdem im Handumdrehen unansehnliche Stellen an Haus oder Stall bedecken – für die arme Bevölkerung eine preisgünstige „Fassadenerneuerung“ ihrer einfachen Wohnstätte. Ein gestalterischer Nebeneffekt, der die Stockrose auch für moderne Gartenbesitzer zum idealen vertikalen „Lückenfüller“ für kahle Standorte oder Mauern macht.

Und noch ein Nutzen wurde an dem bezaubernden Malvengewächs hoch geschätzt: Es lockt zahlreiche tierische Helfer, vor allem Bienen und Hummeln, an – zur Bestäubung und zur gesunden, natürlichen Beetpflege. Eine Eigenschaft, mit der die Stockrose umso mehr in einer Zeit punkten kann, in der sanftes ökologisches Gärtnern und biologischer Pflanzenschutz wieder hoch im Kurs stehen.

Heilkunde Historisch …
Nach und nach entdeckte man, dass in der schlanken Schönheit mit den zarten Trichterblüten noch mehr ungeahnte Kräfte schlummerten: nämlich Heilkräfte bei körperlichen Leiden aller Art. Diese Kräfte sollten sich als so groß erweisen, dass Pflanzensystematiker der Stockrose damals den Gattungsnamen „Althaea“ überordneten, abgeleitet vom griechischen „althein“, was so viel wie „heilen“ bedeutet.

Fortan wurde sie in der Volksmedizin universell verabreicht: bei Erkältung und Husten, bei Verbrennungen und Geschwüren, bei Harnwegs- und Menstruationsbeschwerden und vor allem bei Entzündungen von Mund und Rachen, Magen und Darm, Haut und Schleimhaut. Ihr Nimbus als mystische Medizinalpflanze reichte gar bis zur christlichen Symbollehre, in der sie bis heute als Sinnbild für Heilung und Auferstehung steht.… und heute
Auch in der Hausapotheke hat die Stockrose ihren angestammten Platz behalten. Wie einer ihrer volkstümlichen Namen „Bauerneibisch“ bereits andeutet: Gleich ihrem Verwandten, dem Echten Eibisch, wird sie als klassische Schleimdroge eingesetzt. Bei Bronchitis und anderen Erkrankungen der Atemwege wird ein mit Honig gesüßter Tee empfohlen, ein ungesüßter bei Durchfall und sonstigen Magenproblemen. Sogar bei Nierenleiden soll er helfen.

Äußerlich kann der Tee zum Gurgeln bei Infektionen von Mund und Hals verwendet werden. Oder zum Tränken von Waschungen oder Verbänden bei Hautverletzungen, denn die Stockrose wirkt besonders erweichend und zusammenziehend, was wiederum die Wundheilung fördert. Das Rezept für den Tee ist einfach: Zwei Esslöffel getrocknete Blüten mit einem Viertelliter kochendes Wasser übergießen, zehn Minuten stehen lassen und absieben. Für Umschläge kann man einen Kaltauszug im selben Mengenverhältnis herstellen. Beim Ansetzen der Blüten in kaltem Wasser werden außerdem die Inhaltsstoffe geschont.

Und die sind es allemal wert, geschützt zu werden: Schleimstoffe beruhigen die Schleimhäute und fördern den Auswurf, Gerbsäuren wirken antibakteriell und antiviral, beide zusammen hemmen Entzündungen und neutralisieren Gifte. Ebenso wie ein sehr spezieller Farbstoff, der in der schwarzroten Alcea rosea v. nigra steckt: Anthocyan. Früher wurde die dunkle Blume daher zum Einfärben von Getränken genutzt, heute weiß man, dass der Stoff antioxidativ ist und damit ein effektives Heilmittel gegen freie Radikale.

Zur Bewahrung all dieser Gesundheitsstoffe ist natürlich ein schonender Umgang mit der Wirtspflanze gefragt. Die Blüten sollten recht vorsichtig gepflückt, beschädigte oder welke Teile entfernt werden. Zum Trocknen werden die Kelche locker auf einem Tuch ausgebreitet, in einem warmen Raum möglichst schnell getrocknet und dann luftdicht verschlossen.

Echte Sommerpflanzen
Wichtigste Voraussetzung für eine gesunde Ernte ist eine gute Kultur. Und die fängt mit dem richtigen Standort an. Als echte Sommerpflanzen mögen es Stockrosen sonnig: etwa an einer Mauer, die Wärme reflektiert sowie Wind und Wetter abhält, oder an einem Zaun oder einer Pergola, an die sie sich gern anlehnen. Diese Vorliebe ist dann praktisch, wenn man Stockrosen als Sichtschutz oder zur bunten Begrünung von Wänden nutzt. Genauso wie in der guten alten Zeit: Da gehörten die „Bauernrosen“ seit jeher zum Holzschuppen oder Weidenzaun im Landgarten.

Der nächste wichtige Punkt im Pflegeprogramm ist der Boden. Der sollte frisch, nährstoffreich und kalkhaltig sein – sowie durchlässig und tiefgründig, denn die Wurzeln müssen sich ausbreiten können. Dafür kommen die oberirdischen Teile mit umso weniger Platz aus – und damit selbst mit kleinen Gärten zurecht. Wegen der kräftigen Pfahlwurzel kann man Stockrosen schlecht umziehen, deshalb sollte man, hat man den passenden Standort gefunden, dabei bleiben.
Und dann kann’s losgehen: mit Jungpflanzen oder Samen, Aussaat unter Glas oder ins Freiland, im Frühling oder Frühherbst. Als Faustregel gilt: Das Saatgut sollte leicht mit Erde bedeckt sein, da die Stockrose ein Dunkelkeimer ist. Ausgepflanzt wird im Abstand von rund 50 Zentimetern.

Im ersten Jahr bildet sich eine Blattrosette, im zweiten entfaltet die Staude dann ihren ganzen Blütenzauber. Dazu braucht sie in der Wachstumsphase etwas Stickstoffdünger und viel Wasser, austrocknen sollte sie auch später nie. Ansonsten ist sie genügsam und hat nur eine große Schwäche: den Malvenrost, gegen den nur schwer anzukommen ist.

Eigentlich hilft bloß das sofortige Entfernen befallener Teile – und ab damit in den Müll, nicht in den Kompost! Vorbeugen kann man jedoch, indem man nicht zu dicht pflanzt, sodass die Luft zirkulieren kann, und obendrein einen Standort mit möglichst wenig Schatten wählt.

Im Spätherbst geht die Pracht dann ihrem Ende entgegen. Jetzt hat man die Wahl: Zwar ist die Stockrose eigentlich mehrjährig und lässt sich durch einen Rückschnitt nach der Blüte länger als die üblichen zwei Jahre halten, verliert aber dadurch an Kraft und Schönheit. Man kann daher auch, statt zurückzuschneiden, die Frucht ausreifen lassen und aus den ausfallenden Samen Keimlinge ziehen. Oder die Stockrose einfach sich selbst aussäen lassen. Einziger Eingriff: Die Mutterpflanze entfernen und bei zu zahlreichen konkurrierenden Sämlingen schwache auslichten.

Farb- und Formenvielfalt
Wer jetzt Lust bekommen hat, sich mit der Stockrose ein Stück Nostalgie ins Beet zu holen, wird ein breit gefächertes Sortiment vorfinden: die klassische Apothekerpflanze Alcea rosea v. nigra in dunklem Purpur oder eine der vielen anderen einfachen Sorten in Schattierungen von zartem Pastell bis kräftigen Signalfarben. Oder die duftig-dicht gefüllten ‘Pleniflora‘, etwa ‘Chaters Chamois‘ in feinem Apricot.

Oder Alcea rugosa, die Gelbe Stockrose, die mit besonders großen, orange-gelb leuchtenden Blütenkelchen bezaubert und die weniger rostanfällig ist als ihre Verwandte. Oder die ebenfalls sehr widerstandsfähige und ausdauernde Alcea ficifolia mit ihren ungefüllten Schalenblüten in Gelb-, Rosa-, Violett-, Rot- und Weißtönen und ihren Blättern in eleganter Feigenform. Eine wahrlich erlesene Auswahl. Kein Wunder, schließlich handelt es sich hier um eine Königin – die Königin des Bauerngartens.

Von Constanze Lüdicke
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